Schlaglichter 2003

Grußwort von Prof. Dr. Dr. h.c.mult. Rita Süssmuth, Präsidentin des
Deutschen Bundestages a. D. an die Teilnehmer der Fortbildungsveranstaltung "Provenienzforschung für die Praxis. Recherche und Dokumentation von Provenienzen in Bibliotheken", Weimar, 11. und 12. September 2003

Sehr geehrte Damen und Herren,

Provenienzforschung - das Thema Ihrer Tagung - beschäftigt sich bekanntlich mit der Herkunft und dem Gebrauch auch von Büchern; es geht dabei um die Vorbesitzer und um die Lese- und Gebrauchsspuren, die sie in den Büchern hinterlassen haben. Diese Spuren zu dokumentieren, sollte heute zu den bibliothekarischen Informationsdienstleistungen gehören.

Doch, wie Sie wissen, ist Provenienzforschung kein einfaches Thema. Ich meine damit nicht die Tatsache, dass es in unseren Bibliotheken bislang nur am Rande vorkam und - wenn überhaupt - nur von Spezialisten etwa der Handschriftenkunde verfolgt wurde. Sondern ich meine damit den Umstand, dass es hier um eine Aufgabe geht, für deren Erledigung es zwar gute und dringende Gründe gibt, wir sogar eine moralische Verpflichtung haben, der Aufwand an Zeit und Ressourcen hierfür vermutlich aber so hoch einzuschätzen ist, dass viele die Aufgabe am liebsten erst gar nicht angehen.

Provenienzforschung heißt, den Blick in die Vergangenheit zu richten und auf die Spuren der Väter- und Müttergeneration. Über die Aufarbeitung und Aneignung dieser Geschichte ist in den letzten Jahren viel gestritten worden, und mancher möchte diese Aufgabe gerne als erledigt betrachten. Doch dies ist sie nicht. Denn auch hier gilt die einfache Regel, dass, wer die Zukunft kreativ und mit wachem Interesse an seinen Mitmenschen gestalten will, ohne den aufgeklärten Bezug zur Vergangenheit nicht auskommt.

Man mag sich fragen, ob eine wissenschaftlich so eindeutig zu definierende Aufgabe wie die Provenienzforschung eine moralische Aufwertung braucht. Ich glaube, sie braucht sie heute tatsächlich. Die öffentlichen Einrichtungen leiden sichtlich unter den immer knapper werdenden Ressourcen. Dennoch – eine lange aufgeschobene Aufgabe darf deswegen nicht weiter zurückgestellt werden. Wir enthielten uns selbst und auch dem Staat, in dem wir leben, ein Stück Aufklärung und Zukunft vor.

Bücher wie Kunstgegenstände sind im 20. Jahrhundert zu Beute und zu Trophäen der Sammelwut geworden – durch Enteignung von Privatbesitz, Raub und als Auswirkung des Zweiten Weltkrieges. Die Folgen des Kunstraubs, die Folgen des Zweiten Weltkriegs im In- und Ausland, Restitution und Wiedergutmachung – all das hat auch mit der Geschichte und der Herkunft der Bücher zu tun, die Sie verwalten. Wir können den persönlichen und kulturellen Verlust, der durch dieses Unrecht entstanden ist, nicht wirklich wieder gut machen, darüber sind wir uns einig. Aber wir können uns bemühen, indem wir die Geschichte des einzelnen Buches erforschen, es mit einem Einzelschicksal zu verknüpfen. Und, indem wir es gegebenenfalls zurückgeben, ein Stück jüdischen Alltags (Bücher gehörten nun einmal zum jüdischen Alttag !) wieder erstehen zu lassen. Die Geschichte unserer Bibliotheksbestände zu erforschen, ist also keine Sache von nur akademischem Interesse : Provenienzforschung hat vor allem eine aktuelle politische Bedeutung und verdient breite öffentliche Aufmerksamkeit. Dies nicht zuletzt deshalb, weil sie ganz konkret zur Völkerverständigung beitragen kann.

Provenienzforschung muss somit zu brauchbaren und verlässlichen Ergebnissen führen. Gefordert sind daher Ihr Engagement und Ihre Kreativität, die Methoden und Techniken dieser Forschung ständig zu verbessern und weiter zu vermitteln. Je souveräner sie beherrscht werden, desto eher lassen sich knapper werdende Ressourcen ausgleichen.

Ich begrüße es daher sehr, wenn sich hier drei Einrichtungen aus dem Kultur-, Bildungs- und Forschungsbereich zusammengetan haben, um Raum und Möglichkeiten für Fortbildung auf diesem Gebiet zu schaffen.

Zusammengetan haben sich: die Koordinierungsstelle für Kulturgutverluste Magdeburg, die Herzogin Anna Amalia Bibliothek Weimar und die Initiative Fortbildung für wissenschaftliche Spezialbibliotheken und verwandte Einrichtungen e.V., die ich - das lassen Sie mich hier anfügen - seit der nunmehr regelmäßigen Verleihung des John Jacob Astor Award als Kooperationspartnerin der verdienstvollen Checkpoint Charlie Stiftung kennen gelernt habe.

Ich freue mich ganz besonders, dass Sie das Angebot aufgreifen und sich in den nächsten beiden Tagen dem Thema mit allem Ernst stellen. Ich bin sicher, dass die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter in unseren Bibliotheken in der Lage sind, einen praktikablen und freien Zugang zur Herkunft der Bücher zu schaffen. Diese Informationen zu dokumentieren und freizugeben, davon bin ich überzeugt, schafft mehr Demokratie.

 

Kontakt und Anmeldung

Initiative Fortbildung für wissenschaftliche Spezialbibliotheken und verwandte Einrichtungen e.V.
c/o Zentral- u. Landesbibl. Berlin
Postfach 610179
10922 Berlin

Telefon: 030 70 44-16
Fax: 030 70 44-18
Mobil: 0160 99530089
E-Mail: Evelin Morgenstern 


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